Egal ob Hersteller oder Großhändler, immer mehr mittelständische und große Unternehmen setzen auf den E-Commerce, um sich einen weiteren Absatzkanal zu erschließen. Ob nun als alleinige Handelsform, in Kombination mit anderen als Multichannel-Commerce oder als Basis für den Omnichannel ist angesichts der zunehmenden Konvergenz von Online und Offline zweitrangig. Da Hersteller dabei in die Vertikale gehen und durch den Direktvertrieb die Markenwahrnehmung und ihre Margen verbessern[1], sieht sich der Großhandel in einer neuen Konkurrenzsituation. Die Entwicklung des E-Commerce dürfte dadurch noch dynamischer werden und die Digitalisierung von Unternehmen weiter voranbringen. Wie können sich Unternehmen darauf vorbereiten?

 

Schild Wachstum

ERP – die Basis

Unabhängig davon, wo die Reise im Einzelnen hingeht, wird in nahezu allen Fällen das E-Commerce-System auf eine bestehende IT-Systemlandschaft aufsetzen. Überall sind Anwendungen im Einsatz, die die Unternehmensprozesse steuern. Der Kern ist in der Regel ein Enterprise Ressource Planning, das die Warenströme und grundsätzlichen Transaktionen managt. Neben vielen Eigenentwicklungen und kleineren Lösungen sind im deutschen Raum vor allem SAP, Microsoft Dynamics, Infor und Oracle im Einsatz. Hier werden die Bewegungsdaten, die mit dem unternehmensweiten Ressourceneinsatz in der Materialwirtschaft, der Produktionsplanung oder dem Einkauf korrespondierenden, zentral gepflegt, aber auch Stammdaten gespeichert und aktualisiert.

Bewegungsdaten enthalten Informationen beispielsweise zu Bestellungen (Menge, Packaging), Lieferungen (Stückzahlen, Verpackungseinheiten) und Rechnungen (Rechnungsnummer, Betrag) – Informationen zu Kunden (Adressen, Rabatte) und Produkten (Artikelnummer, Preise) werden in den Stammdaten erfasst. Da hier Kernprozesse des Unternehmens betroffen sind, müssen alle Änderungen revisionssicher dokumentiert sein.

 

E-Commerce-Plattform und SAP ERP

Gehen wir exemplarisch vom Einsatz eines SAP ERP und einem klassischen Webshop im B2B aus: Ein E-Commerce-System wie Magento muss für einen produktiven Einsatz Stamm- wie Bewegungsdaten mit dem ERP austauschen bzw. verarbeiten können: Im Frontend soll der aktuelle Lagerbestand zu einem Produkt dargestellt sein. Bei einer Bestellung muss das ERP von Magento den Auftrag erhalten den Bestand zu korrigieren und selbst wiederum an Magento die für den Kunden hinterlegten individuellen Konditionen (Rabatte, Mindestbestellmenge, etc.) übermitteln. Werden über die E-Commerce-Plattform Neukunden generiert, müssen diese natürlich ihre „Stammdaten“ im Frontend des Shops eingeben, der sie dann an das ERP übermittelt. Die Bestellung stößt dann weitere Prozesse wie E-Mail-Bestätigung, Fakturierung, vielleicht auch ein Scoring, Lieferavise und so weiter an. In welchem Rhythmus dabei die Synchronisation zwischen den Systemen stattfindet und ob das ERP der E-Commerce-Plattform direkte Lese- und Schreibzugriffe erlauben soll, ist immer eine Ermessensfrage.

 

ERP als Kern der Systemlandschaft

Zwischen E-Commerce und ERP aber auch den anderen Unternehmenssystemen wie CRM, PIM oder einem ECM/CMS bestehen prinzipiell prozessseitig umfangreiche Schnittmengen. Die Datentypen, Relationen und Transaktionen im ERP unterscheiden sich aber teilweise massiv von denen anderer Systeme. Sollen neue Service- und Vertriebsprozesse etabliert werden, ist die passgenaue Integration der Drittsysteme und des ERP unabdingbar. Dann sind Szenarien möglich wie die Steigerung der Servicequalität bei Kundenanfragen durch ein automatisiertes CRM, die zentrale Verwaltung und Distribution von Marketingmaterialien mittels MAM, nach einem Merger die Integration des erweiterten Produktportfolios in E-Commerce- und PIM-Systeme oder eben eine anspruchsvolle, kundenzentrierte Cross- oder Omnichannel-Strategie. Das ERP gewinnt dabei immer mehr den Charakter einer Datendrehscheibe.

 

Ein Konnektor statt einzelner Schnittstellen

An dieser Stelle stehen Unternehmen vor zwei Herausforderungen. Sie benötigen Schnittstellen zwischen den Systemen und sie müssen sicherstellen, dass es nicht durch Integrationsfehler zu Ausfällen in der Systemlandschaft kommt. Je komplexer und individueller die Aufgaben, umso größer die Herausforderung. Um darauf besser zu reagieren, werden ERP-Systeme das nachvollziehen, was bei E-Commerce-Systemen weit verbreitet ist. Das ERP entwickelt sich immer mehr zur modularen Systemlösung, die problemlos für die jeweiligen Anforderungen skalieren kann. Langfristig dürften sich sogar plug-play-fähige ERP-Baukästen herausbilden, mit denen man sich die nötigen Funktionen einfach zusammenklicken kann. Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht mehr zielführend, die Systeme untereinander zu vernetzen. Komfortabler ist ein Konnektor, sodass pro System nur noch eine bidirektionale Anbindung nötig ist. Für unser Szenario einer Magento-E-Commerce-Plattform als Teil einer unternehmensweiten SAP-getriebenen Systemlandschaft ermöglicht etwa das SAP Gateway über einen OData-Service einheitliche Lese- und Schreibzugriffe.

 

 

Synchronisation von E-Commerce und ERP

Die Funktionalität der E-Commerce-Plattform bleibt dabei im Wesentlichen durch den Funktionsumfang von Magento definiert. Die Produkte werden durch regelmäßige Synchronisation aus dem Backend in die E-Commerce-Plattform eingepflegt. Benutzeraccounts sowie Bestellungen und deren Positionen werden in beide Richtungen synchronisiert, wobei im Konfliktfall häufig – aber nicht ausschließlich – der Shopserver den korrekten, weil aktuelleren Zustand vorgibt. Wie häufig und in welcher Form die Synchronisation stattfindet – also vollständig oder häppchenweise – ist dabei nicht starr definiert, sondern lässt sich individuell steuern.

 

Performance – ein Ausblick

Prinzipiell sind Unternehmen mit einem solchen Konstrukt schon sehr gut auf die Anforderungen einer zukunftsfähigen, vernetzten E-Commerce-Lösung vorbereitet und können agil auf neue Herausforderungen reagieren. Was bleibt sind Performance-Anforderungen. Ohne alles unter dem Hype Big Data zu begraben, ist es dennoch so, dass das Volumen, die Vielfalt und die Komplexität der Daten, mit denen Unternehmen umgehen müssen, weiter wachsen werden. Technologisch gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, mit Big Data umzugehen. Prinzipiell laufen sie auf ein mehr an Rechenleistung (z. B. In-Memory-Technologien) oder eine Verteilung von Daten und Rechenprozessen (z. B. Hadoop) hinaus. Ersteres ist kostenintensiv, Letzteres weckt bei manchen die Angst vor Kontrollverlust. Mit größerer Marktverbreitung sollten sich beide Probleme aber nivellieren.

 

Den Artikel finden Sie in etwas ausführlicher Form auch in den Zukunftsthemen im E-Commerce 2015 von netz98.

 

[1] Rothenstein, J.; Stüber, E.: Cross-Channel im B2B-Handel, ECC Köln, Köln, 2014