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22. August 2017 von in B2B E-Commerce, B2C E-Commerce

Das ist bei der Wahl einer E-Commerce Agentur zu beachten

Unternehmen, die sich für ein Shop-System und einen Dienstleister entscheiden möchten, gehen bei der Ausschreibung bzw. bei der Suche in etablierter Weise vor. Gleichzeitig entsteht der Wunsch, das Projekt „agil“ mit Hilfe einer Methode wie Scrum durchzuführen. Damit dies gelingt, ist es notwendig, sich von einigen gewohnten Vorgehensweisen im Zuge der Projektausschreibung zu verabschieden. Vielmehr muss eine neue Denkhaltung etabliert werden. Wenden Unternehmen diese gut an, so sind die richtigen Weichen bereits vor Projektbeginn gestellt.

 

So finden Sie den passenden Dienstleister für Ihre Onlineshop-Umsetzung

Im ersten Schritt ist es wichtig, sich von der Bedeutung des Begriffs „Projekt“ im Sinne eines zeitlich terminierten, in sich abgeschlossenen Vorhabens zu lösen. Betrachten Sie Ihr Software-Projekt als ein eigenes Software-Produkt, das einen gewissen Lebenszyklus hat.

 

Agile Projektmethoden wie Scrum sind insbesondere für die Produkt-Entwicklung gedacht. Hauptziel ist es, den Wert des Software-Produkts – also Ihres Onlineshops mit den entsprechenden Anpassungen – kontinuierlich zu verbessern. Dabei wird der Fokus auf den Endkunden gelegt, also auf die Personen, die in Ihrem Onlineshop einkaufen sollen.

 

Ein Onlineshop muss ständig verbessert werden

Im Sinne eines Wertstroms haben Sie mit dieser Denkweise ein kontinuierliches Software-Vorhaben, das in kleinen Rhythmen (den Iterationen) kontinuierlich einen Wert für Ihre Endkunden generiert.

 

Damit dies funktioniert, ist es wichtig, sich von einer zweiten liebgewonnenen Tradition Abschied zu nehmen: der Trennung zwischen Entwicklung und Wartung (Maintenance). Ihr Onlineshop, über den Sie Ihre Produkte verkaufen, muss beständig weiterentwickelt werden, denn die Bedürfnisse Ihrer Endkunden entwickeln sich auch stets weiter. Es ergibt keinen Sinn mehr, starr in Entwicklung und Wartung zu unterscheiden, denn Sie haben eine stetige Entwicklung und damit kontinuierliche Investitionen.

 

Der Return of Invest dieser Investition ist Ihre Wettbewerbsfähigkeit, die Sie weiter aufrechterhalten. Insbesondere dann, wenn Sie Ideen für neue Funktionen im Shop konsequent an den Bedürfnissen Ihrer Kunden beziehungsweise der Nutzer im Shop-System anpassen. Damit erschaffen Sie einen hohen Grad an Individualität, den Sie als Vorteil gegenüber Ihrem Wettbewerb ausspielen können.

 

Deshalb ist Scrum so wichtig

Glauben Sie, Ihre (potentiellen) Kunden möchten den immer gleichen Einheitsbrei der Produkt-Darstellung in einem Onlineshop sehen? Die Antwort lautet eindeutig: Nein!

 

Agile Methoden wie Scrum entstanden aus der Notwendigkeit heraus, sich den Bedürfnissen der Endnutzer kontinuierlich anpassen zu müssen. Ihre Herangehensweise an das Vorhaben – von der Suche nach einem passenden Dienstleister über die Entwicklung bis hin zu kontinuierlichen Live-Gängen – muss sich dem anpassen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass Ihr Vorhaben ins Schlingern gerät.

 

Infografik Was ist Scrum (Bild: ScrumCorp)

 

Ein typischer Denkfehler: die 80/20-Formel

Die Onlineshop-Hersteller machen es Ihnen und den Dienstleistern nicht immer einfach. Ich habe schon viele Vertriebler erlebt, die mit der magischen 80/20-Formel den Hersteller-Pitch für sich entscheiden möchten. Und das geht so: Natürlich seien 80 % der typischen Funktionen eines Onlineshops bereits „im Standard drin“. Der Rest an notwendigen Funktionen wird dann in 20 % der Kosten „customized“, also entwickelt.

 

Die Formel ist verführerisch einfach und versucht damit gleichzeitig zu suggerieren: „Alles kein Problem, die ist ja wie ein Baukastensystem: Du, lieber Auftraggeber, suchst dir deine Standard-Module aus, und der Rest wird dann dazu programmiert. Ist ja nur ein bisschen Programmierung…“

 

Als Kunde macht man erleichtert drei Kreuze und unterschreibt schnell den Vertrag. „Jetzt muss ich nur noch ein paar Dienstleister finden, die mir sagen können, wie aufwändig die restlichen Funktionsmodule sind, die ich benötige.“ Genau hier schnappt dann die „Excel-Falle“ zu.

 

Die „Excel-Falle“ in der Ausschreibung des Onlineshop-Projektes

In vielen Fällen werden die Ausschreibungs-Unterlagen durch Excel-Dateien ergänzt. In diesen Tabellen sind fein säuberlich die Funktionsmodule aufgelistet, von denen der Suchende glaubt, dass er sie benötigt. In den Spalten gibt es beispielsweise Bezeichnungen wie „ist im Standard enthalten“, „kleiner Zusatz-Aufwand“, „mittlerer Zusatz-Aufwand“, „hoher Zusatz-Aufwand“ oder „externes Modul“.

 

Sie sehen, dahinter steckt schon wieder die Modul-/Baukasten-Denkweise. Das ist nachvollziehbar: Durch Module Stores (z. B. in Magento), Exchange-Plattformen und ähnliche Angebote wird dem Kunden vermittelt, dass er sich aus einer Vielzahl von „Standard-Modulen“ nur die passenden zusammenklicken muss, um mit seinem Shop-Vorhaben an den Start zu gehen.

 

Sie als Kunde wollen selbstverständlich eine Vergleichbarkeit haben, das ist augenscheinlich der Sinn und Zweck der Excel-Listen. Dadurch können Sie unter anderem (vermeintlich) ermitteln: Welcher Dienstleister wird bei welchem Modul einen hohen Zusatzaufwand prognostizieren? Und wie hoch sind die Aufwände insgesamt?

 

Das Problem bei der Vergleichbarkeit von unterschiedlichen Angeboten

Was bedeutet es, wenn Dienstleister A 30 Personentage (PT) für ein „Modul“ ansetzt, Dienstleister B jedoch 45 PT? Richtig: Erst einmal gar nichts. Denn beide Zahlen sind nur schwer zu vergleichen.

 

Dazu muss man wissen, dass Schätzungen im Software-Bereich ein komplexes Unterfangen sind. Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass Menschen in der Schätzung absoluter Zahlen – wie z. B. bei Personentagen – nicht besonders gut sind, und die Streubreite sehr groß ausfällt.

 

Daher werden in der agilen Software-Entwicklung sogenannte Komplexitäts-Punkte vergeben und in Relation zueinander geschätzt. Die Abschätzung wiederum wird vom umsetzenden Software-Team vorgenommen, denn diese sind „am nächsten“ an der Programmierarbeit dran.

 

Daraus folgt: Unterschiedliche Software-Teams von unterschiedlichen Dienstleistern bringen dementsprechend auch unterschiedliche Abschätzungen hervor. Ein Vergleich auf Modulebene taugt per se nicht. Und im Regelfall wird der Versuch, auf Detailebene zu vergleichen, ebenfalls scheitern.

 

Wie lässt sich der ideale Entwickler für einen Onlineshop finden?

Wenn sich verschiedene Angebote nur schwer miteinander vergleichen lassen, stellt sich einem die große Frage: Wie lässt sich dann herausfinden, wer der „richtige“ Dienstleister für Ihr Onlineshop-Vorhaben ist?

 

Wenn eine Vergleichbarkeit auf der Ebene von Personentagen oder gar in einzelnen „Funktionsblöcken“ in die Irre führt, dann werden andere Dinge wichtig. Im Folgenden finden Sie eine Reihe von Tipps, was Sie bei der Dienstleister-Wahl für Ihr E-Commerce-Vorhaben beachten sollten, insbesondere wenn es um eine Ausschreibungen geht.

 

1) Definieren Sie die Anforderungen nicht zu detailreich

Es ist zwar löblich, wenn Sie bereits eine ganze Reihe an Vorarbeit leisten möchten. Doch rechnen Sie damit, dass sich Anforderungen im Laufe der gemeinsamen Entwicklungszeit regelmäßig ändern werden. Zudem ist es so, dass sich die Bedürfnisse Ihrer Endkunden ständig verändern. Eine zu tiefe und zu weit vorausschauende Detailplanung ist somit eher als unnötiger Aufwand zu sehen.

 

Agile Methoden wie Scrum sehen eine kontinuierliche Planung vor, bei der die Anforderungen mit unterschiedlichen Detailgraden nur wenige Wochen oder Monate im Voraus geplant werden. Generell gilt hier: Je näher die Anforderung zeitlich an der Implementierung ist, desto detaillierter fällt sie aus. Anforderungen, die erst in einigen Monaten relevant werden, werden nur sehr grob beschrieben.

 

2) Führen Sie einen Anforderungsworkshop durch

Mit Techniken wie z. B. dem Story Mapping lassen sich in Anforderungsworkshops die benötigten Funktionen ganz einfach zusammenstellen. Sind bei dem Workshop Teile der späteren Entwicklungsmannschaft mit beteiligt, lassen sich auch grobe Aussagen über die Gesamtaufwände des Vorhabens treffen. Eine gute Priorisierung durch alle beteiligten Stakeholder vorausgesetzt, lässt sich das Software-Vorhaben in grobe Meilensteine zerteilen. Sie sollten sich dann hier auf das sogenannte Minimum Viable Product (MVP) konzentrieren – der Minimalvariante Ihres Software-Vorhabens, das typischerweise in drei bis vier Monaten seinen ersten Live-Gang erlebt.

 

Doch auch beim MVP gilt: Aussagen zu Aufwänden, die von einem Software-Team A im Anforderungsworkshop genannt werden, aber von einem anderen Team (z. B. einem anderen Dienstleister) umgesetzt werden, sind nicht verlässlich.

 

Rechnen Sie besser in Personenkapazitäten über Dauer in Monaten, um zu einem Gesamtbudget zu kommen. Doch achten Sie auf die unumstößliche Wahrheit des magischen Dreiecks: Wenn der Preis fix ist, dann muss der Funktionsumfang variabel sein. Setzen Sie den Funktionsumfang fest, dann muss der Preis variabel sein.

 

Sicherlich werden Sie jetzt sagen: „Aber ich kann doch nicht mit jedem Dienstleister solch einen teuren Workshop durchführen.“

 

In mehreren Situationen der Anbahnung mit Neukunden haben wir erlebt, dass die Kunden nach vorherigen Gesprächen mit zwei, maximal drei Dienstleistern solche Vorab-Workshops durchgeführt haben. Das Investment ist mit jeweils zwei bis drei Tagen überschaubar, und der Erkenntnis-Gewinn eine lohnenswerte Vorinvestition. Diese ist dadurch viel sinnvoller angelegt als in sehr langen und ausführlichen Anforderungsdokumenten, die doch sowieso schon kurz nach Beginn des Vorhabens Makulatur sind.

 

Einen weiteren Vorteil dieser Workshops: Sie sind bereits mitten drin in echter Zusammenarbeit. So können Sie sehr schnell herausfinden, ob Sie sich gegenseitig „riechen“ können und entsprechendes Vertrauen aufbauen. Eine bessere Möglichkeit, die potenzielle Zusammenarbeit mit einem Dienstleister zu testen, gibt es kaum.

 

3) Arbeiten Sie an Micro Story Mappings

Wenn Sie nicht allzu viel Geld für zwei bis drei Dienstleister vorab ausgeben wollen, gibt es noch eine weitere Variante der Anforderungsworkshops: In sogenannten Micro Story Mappings lässt sich innerhalb eines Tages ein – wenn auch sehr kleiner – Teil Ihres Vorhabens besprechen. Abhängig von Ihrer Zufriedenheit und dem Vertrauen, das Sie in der Durchführung mit dem jeweiligen Dienstleister entwickeln, können Sie sich dann auf einen Dienstleister konzentrieren und in einen tiefergehenden Anforderungsworkshop hineingehen.

 

Fazit

Zusammengefasst ergeben sich folgende Punkte für die Wahl eines Dienstleisters im Rahmen Ihres Onlineshop-Vorhabens:

  • Investieren Sie nicht allzu viel Zeit in die Erstellung von Anforderungsdokumenten, die nach kurzer Zeit schon überholt sind.
  • Investieren Sie stattdessen in kleine oder mittelgroße Anforderungsworkshops mit ein bis drei Dienstleistern. Achten Sie dabei auf kritische Rückfragen des Dienstleisters und überprüfen Sie, ob im Laufe des Workshops Vertrauen aufgebaut werden kann. Holen Sie sich Unterstützung durch externe E-Commerce-Berater bei der Unterstützung dieser Workshops, wenn der Dienstleister nicht selbst Erfahrung damit vorweisen kann.
  • Machen Sie sich bewusst, dass die 80/20-Regel, die vom Vertrieb der Shop-Hersteller ausgerufen wird, beileibe nicht der Realität entspricht. Lassen Sie sich nicht von solchen Aussagen irritieren.
  • Vermeiden Sie explizit die Aussendung von Tabellen, in welcher die Dienstleister jeweils ihre Einschätzungen abgeben. Jedem Dienstleister sei hier angeraten, solche Tabellen nicht mehr auszufüllen – am Ende verliert jede Partei. Denn: Software-Entwicklung ist zu komplex, als dass eine vereinheitlichende Tabelle zu einem echten Vergleich dienen kann.
  • Nehmen Sie sich Zeit, den Dienstleister kennenzulernen. Wenn möglich, besuchen Sie ihn in seinen Räumlichkeiten, um zu sehen, wie die Software-Entwickler arbeiten.

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